Ein, zwei oder drei Rezeptoren
Alle drei Inkretin-Analoga ahmen Hormone nach, die der Darm nach dem Essen ausschüttet. GLP-1 verzögert die Magenentleerung, verstärkt die glukoseabhängige Insulinausschüttung und dämpft über das Gehirn den Appetit. GIP wirkt ebenfalls insulinotrop; welchen Beitrag es zur Gewichtsabnahme leistet, wird noch untersucht. Glukagon schließlich wirkt eigentlich gegenläufig zum Insulin, erhöht aber den Energieverbrauch und den Fettabbau in der Leber.
Semaglutid nutzt nur den ersten Weg, Tirzepatid die ersten beiden, Retatrutid alle drei. In den veröffentlichten Studien geht diese Reihenfolge mit stärkerer mittlerer Gewichtsabnahme einher. Direkte Vergleiche aller drei Wirkstoffe in einer Studie gibt es bisher nicht; die folgenden Zahlen stammen aus getrennten Studien mit unterschiedlichen Teilnehmenden und Laufzeiten und sind deshalb nur eingeschränkt vergleichbar.
| Merkmal | Semaglutid | Tirzepatid | Retatrutid |
|---|---|---|---|
| Rezeptoren | GLP-1 | GIP, GLP-1 | GIP, GLP-1, Glukagon |
| Aminosäuren | 31 | 39 | 39 |
| Fettsäurekette | C18-Disäure | C20-Disäure | C20-Disäure |
| Halbwertszeit | ca. 7 Tage | ca. 5 Tage | ca. 6 Tage |
| Leitstudie Adipositas | STEP 1, n = 1961 | SURMOUNT-1, n = 2539 | Phase II, n = 338 |
| Laufzeit | 68 Wochen | 72 Wochen | 48 Wochen |
| Höchste Studiendosis | 2,4 mg/Woche | 15 mg/Woche | 12 mg/Woche |
| Mittlere Abnahme (Placebo) | −14,9 % (−2,4 %) | −20,9 % (−3,1 %) | −24,2 % (−2,1 %) |
| Zulassung in der EU | ja | ja | nein |
Quellen: STEP 1, SURMOUNT-1, Retatrutid Phase II.
Was die Tabelle nicht zeigt
- Unterschiedliche Populationen. Die Ausgangsgewichte, der Frauenanteil und die Begleitmaßnahmen unterscheiden sich zwischen den Studien. Schon das verschiebt Mittelwerte um mehrere Prozentpunkte.
- Unterschiedliche Laufzeit. Nach 48 Wochen hatte die Gewichtskurve in der Retatrutid-Studie noch kein klares Plateau erreicht. Ein Vergleich mit 72-Wochen-Daten ist deshalb schief.
- Fallzahlen. 338 Personen in sieben Gruppen sind für eine Phase-II-Studie üblich, aber viel weniger als in den Zulassungsstudien. Seltene Nebenwirkungen fallen erst in großen Studien auf.
- Endpunkte. Für Semaglutid gibt es Daten zu Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod; für Retatrutid noch nicht.
Wie Studien Gewichtsabnahme messen
Die Prozentwerte in der Tabelle sind Mittelwerte der relativen Veränderung des Körpergewichts gegenüber dem Studienbeginn. Dahinter steckt mehr Statistik, als man denkt. Studien unterscheiden zwischen einem Schätzer, der alle zugeteilten Personen unabhängig vom Abbruch auswertet (Behandlungsstrategie), und einem, der nur die Wirkung bei fortgesetzter Einnahme betrachtet. Der zweite Wert liegt in der Regel höher. Die Zahlen auf dieser Seite stammen aus den Zusammenfassungen der Publikationen; STEP 1 und SURMOUNT-1 berichten dort den Schätzer nach Behandlungsstrategie.
Hilfreich ist zudem der Blick auf die Verteilung. In SURMOUNT-1 erreichten 50 % der 10-mg- und 57 % der 15-mg-Gruppe eine Abnahme von mindestens 20 %, unter Placebo 3 %. In der Retatrutid-Studie hatten nach 48 Wochen 83 % der 12-mg-Gruppe mindestens 15 % verloren, unter Placebo 2 %. Mittelwerte verbergen also eine große Spannweite: Manche Teilnehmende nehmen kaum ab, andere sehr deutlich.
Verträglichkeit im Vergleich
Bei allen drei Wirkstoffen stehen Magen-Darm-Beschwerden ganz oben: Übelkeit, Durchfall, Erbrechen und Verstopfung, meist in der Phase der Dosissteigerung. In SURMOUNT-1 brachen 4,3 bis 7,1 % der Tirzepatid-Gruppen die Behandlung wegen unerwünschter Ereignisse ab, gegenüber 2,6 % unter Placebo. Bei Retatrutid fiel zusätzlich ein dosisabhängiger Anstieg der Herzfrequenz auf, der nach 24 Wochen seinen Höhepunkt erreichte. Mehr dazu auf der Seite Nebenwirkungen.
Melanotan 1 und Melanotan 2
Die beiden Melanotane werden im Netz oft in einen Topf geworfen, obwohl sie sich chemisch und regulatorisch deutlich unterscheiden.
| Merkmal | Melanotan 1 (Afamelanotid) | Melanotan 2 |
|---|---|---|
| Struktur | linear, 13 Aminosäuren | zyklisch, 7 Aminosäuren |
| Rezeptoren | vor allem MC1R | MC1R, MC3R, MC4R, MC5R |
| Effekte über Pigment hinaus | gering | Appetit, Erektionen, Übelkeit |
| Humandaten | Phase-III-Studien bei Protoporphyrie | Pilotstudie mit drei Männern (1996) |
| Zulassung | EU: Implantat Scenesse, 16 mg | keine |
Für die Forschung heißt das: Wer gezielt den MC1-Rezeptor untersucht, arbeitet mit dem selektiveren Melanotan 1. Melanotan 2 eignet sich dagegen als breit wirkendes Werkzeug für das zentrale Melanocortin-System. Für Laborzwecke ist zum Beispiel die Melanotan-2-Ampulle mit 10 mg erhältlich, Melanotan 1 in derselben Füllmenge.
Kein Bräunungsmittel. Keines der beiden Melanotane ist zur Bräunung zugelassen. Selbst gespritzte Präparate aus dem Netz sind nicht kontrolliert, und Dermatologen beschreiben Fälle neuer oder veränderter Muttermale und Melanome.